9 Jun 2010
Kürzlich fragte Aaron bei mir an, ob ich nicht eine Shadow Black Spirit, die Jochen demnächst für einen Test nach Hamburg überführen würde, anschließend für eine paar Tage zur Probe fahren wolle.
Quasi reflexartig sagte ich ja, obwohl mich eine leise Stimme im Hinterkopf warnte:”Hallo, jemand zu Hause? Das ist ein Chopper oder Cruiser oder irgendsowas Langweiliges und Unfahrbares…” Andererseits: auch etwas choppereskes sollte man einmal gefahren sein – man muss ja wissen worüber man ständig lästert, oder?
Zwischendurch noch mal schnell im Netz nachgeschaut, was es mit der Version “Black Spirit” der 750er Shadow auf sich hat. Beruhigt konnte ich feststellen, dass ich nicht mit barockem Chrom durch die Gegend fahren würde, sondern mit einer im besten Sinne “gechoppten” Version der normalen Shadow. Viel (matt-)schwarzer Lack und etwas (11kg) leichter, schmaler, tiefer, kürzer, dicke Reifen und so - der Bobber-Look lässt grüßen…
Gut, ich würde mich also (mit Helm) trauen, damit durch die Nachbarschaft zu fahren, stellte sich nur noch die Frage wie sich ein Gefährt mit so einer ungünstigen Lenkgeometrie und Sitzhaltung überhaupt fährt.
“Es geht”, sage ich mal… Den Hintern knapp überm Asphalt (65cm Sitzhöhe – so einen sicheren Stand hatte ich auf einem Motorrad noch nie), die Fußspitzen gegen den Wind gerichtet und die Arme fast gerade nach vorne gestreckt. Der dreiviertel Liter-V2 brabbelt unaufdringlich vor sich hin und als eigentlich sportlicher Fahrer fühlt man sich sofort merkwürdig entschleunigt. Das ist nicht Motorradfahren wie ich es gewohnt bin, das ist auf die Couch setzen, frische Luft atmen und die Aussicht genießen. Geschmackssache also. Möglichst früh (so ab 60 km/h) versucht man schon im letzten, fünften Gang zu sein, dort blubbert der Motor dann – leicht untertourig – am schönsten. Hundert oder hundertzwanzig Sachen sind mit den gebotenen 46PS auch noch in akzeptabler Zeit erreicht, danach wird’s sowieso uninteressant. 160 km/h waren auf der Autobahn zwar drin, doch dann wird’s ein wenig zugig und der V2 nur noch klingt wie ein getretener Einzylinder. Bei wieviel Umdehungen das der Fall ist – keine Ahnung – einen Drehzahlmesser haben nur die wenigsten Chopper im Angebot und auch bei der Black Spirit fehlt er. Ziemlich ungewohnt, wenn man darauf konditioniert ist, nach Drehzahl und nicht nach Geschwindigkeit zu fahren…
Das Handling hat mich überrascht. Keine Ahnung ob’s am niedrigen Schwerpunkt liegt aber die Shadow ist äußerst leicht in Schräglage zu bringen und auch Manövrieren am Lenkanschlag ist drin. Den Begriff Schräglage muss man freilich erst neu definieren, wenn man von einer R6 auf einen Chopper umsteigt. Bei jeder Gelegenheit werden die Angstnippel an den Rasten kürzer und das Mopped um ein paar Milligramm leichter. Das ist zu Anfang ganz witzig, nervt aber doch ziemlich wenn man plötzlich vor jeder Kurve, die sonst Garant für ein paar Sekunden Sportler-Fahrspaß war, bremsen muss, um nicht in die Gefahr zu geraten, sich aus der Kurve zu hebeln. Die Schnappsidee, die Kurven mal mit Hanging-off zu nehmen musste ich schnell wieder drangeben, ich wäre wahrscheinlich vom Bock gefallen… Die Arme sind zu weit auseinander, es gibt weder für die Unterarme halt am Tank noch für die Beine an der Sitzbank und von der Position der Füße wollen wir gar nicht erst anfangen.
Die Bremsen (vorne Einscheibe, hinten Trommel) sind bestenfalls “gutmütig”, das wäre mir auf Dauer zu wenig, entgegen meiner Gewohnheit habe ich auch regelmäßig mit der Hinterradbremse mitgebremst. Die Black Spirit ist übrigens die einzige Shadow, die nicht mit ABS ausgestattet ist, wahrscheinlich verzögern die anderen Modelle effektiver.
Die Federelemente sind weich, reagieren aber nicht besonders schnell. Schlaglöcher bekommt man also trotzdem zu spüren – nicht so schön, wenn man eh schon so orthopädisch bedenklich sitzt, wie es die Gattung Chopper von einem verlangt. Auf der breiten Sitzbank lässt es sich aber sonst eine ganze Weile aushalten, erst nach etwas einer Stunde musste ich ein wenig hin und her rutschen, um den Allerwertesten nicht zu einseitig zu belasten.
Eine schöne Defintion zur Einordnung der Shadow Black Spirit innerhalb der Motorradwelt bekam ich am Hamburger Treffpunkt Zollenspieker, wo eine “Biker-Familie” entlang der aufgereihten Motorräder flanierte. Papa ging vorraus, derweil unterrichtete Mama sachkundig die vielleicht 10jährige Tochter über die verschiedenen Motorradtypen: “Das ist ein Supersportler, das hier ist ein Tourer…” – sie erreichten die Shadow – “...und das ist ein Mädchenmotorrad!”
Das saß. Zwar stellte auch Frau Moppedblogger gleich bei meiner Ankunft mit der Maschine fest, daß die “aber hübsch!” sei , doch ein Motorrad nur aufgrund niedriger Leistung und Sitzhöhe sowie einfachem Handling den Damen vorzubehalten wäre bestimmt sexistisch. “Anfängermaschine” träfe es vielleicht besser, auch wenn ich Fahranfängern bestimmt nicht zu einem Chopper als Erstmotorrad raten würde. Das versaut den Fahrstil garantiert auf Lebenszeit…
Würde ich die Black Spirit mein Eigen nennen, wüsste ich allerdings schon, wie ich sie “männlicher” bekäme und zwar – natürlich – mit mehr laut und noch mehr schwarz. Um die Maschine akkustisch etwas präsenter zu bekommen hält der Zubehörmarkt schon so einiges bereit und was den Wunsch nach einer Komplettschwärzung der Black Spirit angeht bin ich wohl auch nicht ganz allein, denn bei Abgabe der Maschine bei Honda Harke erzählte man mir, dass man dort für die Hamburger Motorradtage eine Version mit schwarz lackierter Auspuffanlage sowie geschwärzten Anbauteilen (ein paar “Silberstreifen” gibt es ab Werk doch noch) angefertigt habe, die beim Publikum recht gut ankam. Kostenpunkt für diese Maßnahme: ein runder Tausender…
Was gefällt sonst noch?
- Erfrischend wenig Lederfransen
- Trotz 46 PS ist (bei bestimmungsgemäßer Verwendung) irgendwie immer genug Leistung/Drehmoment vorhanden
- Kinderleicht zu fahren
- Kardan funktioniert herrlich unauffällig
Was stört sonst noch?
- Rostbildung unter Auspuffblende, sowie an Krümmerschrauben (bei einem 1000km alten Mopped)
- Wenig stabil, wenn Kurven und Unebenheiten gleichzeitig auftreten
- Klemmbacken an oberer Gabelbrücke extrem scharfkantig
- Null Stauraum, nichteinmal für ein Handy
Was bleibt?
Was bleibt, ist bei mir der Ansatz von Erkenntnis welchen Lustgewinn Chopperfahrer wohl aus der Bewegung mit so einem Gefährt ziehen könnten. Einen möglichst großvolumigen Motor unter sich arbeiten zu hören und zu spüren, bequem geradeaus fahren, sehen und gesehen werden. Alles legitime Motive aber größtenteils nicht die meinen.
Für mich hatten meine etwas 250km mit der Black Spirit kurzzeitig den Reiz des Exotischen, das ist aber dauerhaft nicht wirklich befriedigend (hier passende Sex-Analogie einfügen…). Für Freunde des Cruisertums und alle die es werden wollen ist mit der Black Spirit aber ein problemloser Einstieg in die schwache Droge Chopperfahren möglich.












Tags: Black Spirit, Bobber, Chopper, Cruiser, Honda, Shadow, Test